„Der meiste Müll kann vermieden werden!“

Die  Bloggerinnen Susanne (30), Maria (31) und Chloé (27) zeigen, dass ein Leben ohne Müll wirklich funktioniert, sogar in Weltmetropolen! 

Von Rose Miriam Rozina

rmSenza nomeSusanne ist 30 und ist im PR-Bereich tätig. Sie lebt in Berlin, eine Stadt, die groß, unübersichtlich und bunt ist. Genauso wie die Müllberge, die in solch riesigen Städten eigentlich anfallen müssten. Sie schafft es trotzdem, neben ihrem Beruf ein Leben ohne Müll zu führen und auf ihrem Blog an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Für ihren Uniabschluss hat sie sich mit den Auswirkungen von geplanter Obsoleszenz, dem gezielten Verschleiß von Produkten, beschäftigt.

marie

Maria ist 31 und hat mit ihrem Mann Tomás einen gemeinsamen Sohn, Clemente (2). Sie ist chilenische Rechtsanwältin, lebt aber in London. Sie hat am London College of Fashion ihren Master in Fashion Journalismus gemacht. Nun ist Maria freie Journalistin und PR-Referentin mit dem Schwerpunkt Umwelt und verfechtet  Projekte rund um Öko, Bio und Fair-Trade vor dem Hintergrund lokaler und natürlicher Produktion. Momentan gibt sie Zero Waste Workshops zum Thema Bad, Küche und Beauty. Maria ist Organisatorin der Zero Waste Community London.

 

FRAN Chloé ist 27, lebt in Paris und hat sich ihr eigenes Unternehmen aufgebaut: Sie ist selbstständige Beraterin und Trainerin für Methoden und Techniken, die für eine verbesserte Sichtbarkeit im Internet sorgen. Auf ihrem Blog teilt sie ihre alltäglichen Zero-Waste-Abenteuer.

 

 

Zero Waste, Low Waste, No Waste, Slow Life: Unter all diesen Begriffen läuft ein neuer bewusster Lifestyle, der willkürliches unkontrolliertes Konsumieren ablehnt und appelliert, mehr für unsere Umwelt zu tun. Stimmt das? Was macht Zero Waste eigentlich für euch aus?

Susanne: Zero Waste heißt übersetzt „null Müll“, aber auch „null Verschwendung“. Es geht darum, ein Leben zu führen, bei dem kein Abfall produziert und kein Rohstoff verschwendet wird.

Maria: Die fünf R! Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot: Lehne ab, was du nicht brauchst wie zum Beispiel Werbegeschenke oder Plastiktüten. Reduziere, was du benötigst, Stichwort Haushalt ausmisten. Verwende wieder, was du besitzt, recycle Glas, Metall und Pappe und kompostiere.

Chloé: Zero Waste bedeutet, seinen Müll zu reduzieren, aber auch, sich besser zu ernähren und zu pflegen und insgesamt respektvoll gegenüber der Umwelt zu leben, aber auch gegenüber sich selbst!

Wie seid ihr dazu gekommen, Zero Waste zu leben und euch vom alltäglich anfallenden Müll zu befreien? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Susanne: Schon vor Jahren habe ich aufgehört, Deos, die Aluminium enthalten, zu benutzen und mein eigenes hergestellt, und das lange, bevor ich wusste, dass Zero Waste überhaupt existierte. Sehr beeindruckt war ich von einer vierköpfigen Familie aus den USA, die ganz ohne Müll lebt und einer jungen Frau aus New York, deren Müll der letzten vier Jahre in einem Einmachglas Platz fand. Ich habe aber nicht sofort selbst gehandelt. Dann, auf Reisen in Ländern, in denen es kein so gut entwickeltes Müllentsorgungssystem wie in Deutschland gibt, wie z.B. in Marokko, sah ich, dass der Müll überall war – auf Straßen, am Strand, im Meer. Mir wurde klar, dass man diesem Teufelskreis nur begegnen kann, indem man Müll gar nicht erst entstehen lässt.

environment-1019748
„Der Recycling-Prozess an sich verschlingt wieder neue Ressourcen, deswegen sollte Recycling an hinterer Stelle stehen“ meint Susanne

Maria: Wir alle in der Community interessieren uns für Themen rund um Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit. Auch geht es darum, unseren CO2-Fußabdruck zu minimieren. Dabei sind wir sonst alle sehr unterschiedlich: Wir sind circa 200 Leute, Frauen, Männer, Jüngere, Ältere, und es werden jeden Tag mehr! Ich selbst bin dem Thema über die Dokumentation „The True Cost“ näher gekommen, eine Doku über Kleidungsverschwendung. Das Buch „Zero Waste Home“ von Bea Johnson hat mich dann endgültig überzeugt. Ich habe Gewicht verloren, Geld gespart und bin gesünder. Außerdem freue ich mich immer mehr an den kleinen Dingen, die nichts kosten, wie zum Beispiel Fahrrad fahren.

Chloé: Wir leben in einer Welt, die immer egozentrischer wird und immer verschmutzter. Ich habe mich gefragt, ob ich einfach so weitermachen kann, einfach alles ignorieren… In San Francisco habe ich dann ebenfalls das Buch „Zero Waste Home“ von Bea Johnson gelesen: Es hat mir geholfen, alles zutage zu fördern, was in meinem Alltag noch nicht lief. Beim Lebensmitteleinkauf kann man durchschnittlich 30-40 Prozent des Budgets sparen!

Wie lange lebt ihr schon müllfrei?                                                     

Susanne: Circa eineinhalb Jahre.

Maria: Seit 2014.

Chloé: Auch seit eineinhalb Jahren!

Kann man den Müll auch durch Recycling verringern? Was haltet ihr davon? Ausweg aus dem Müllproblem oder eine Illusion?

Susanne: Der Recycling-Prozess an sich verschlingt wieder neue Ressourcen, deswegen sollte Recycling an hinterer Stelle stehen. Es geht nicht darum, MEHR zu recyceln, sondern WENIGER, indem von vornherein Müll vermieden wird. Plastik ist nicht recycelbar, sondern meist nur downcycelbar. Wäre es recyclingfähig, könnte der gleiche oder ein gleichwertiger Stoff wieder hergestellt werden, was bei Plastik kaum oder gar nicht möglich ist. Glas ist ökologisch nur besser, wenn man lokal abgefüllte Getränke kauft, die anschließend weniger als 50 Kilometer transportiert wurden. Leider gibt es nicht immer eine ökologisch bessere oder bequeme Alternative. Plastik einfach durch Papier zu ersetzen, erhöht die Beanspruchung unserer Wälder; Baumwolle für Textilien wird sehr umweltbelastend angebaut. Deswegen lieber Re-Using statt Recycling.

Maria: Ja, Recycling sollte es gar nicht geben müssen, weil es besser ist, erst gar keinen Müll zu produzieren. Das ist so leider noch nicht immer möglich, und wenn man schon etwas Verpacktes kaufen muss, dann sollte die Verpackung auch recycelbar sein.

Chloé: Richtig, Recycling bleibt trotz allem eine umweltbelastende Industrie!

 

jam-2504068
Lieber Re-using statt Recycling

Müllvermeidung steht also an erster Stelle. Wie macht ihr das?

Susanne: Ich kaufe Lebensmittel unverpackt ein und vermeide Produkte, die in Plastik verpackt sind. Wenn es keine Möglichkeit gibt, verpackungsfrei einzukaufen, versuche ich auf umweltfreundlichere Alternativen (Papier, Glas -> Mehrweg) auszuweichen. Ich stelle Produkte wie Zahncreme oder Deo selbst her. Neue Anschaffungen überlege ich mir ganz genau und ziehe Faktoren wie Reparierbarkeit und Langlebigkeit in Betracht. Außerdem versuche ich, diese zunächst mit gebrauchten Dingen, die bereits im Umlauf sind, zu decken, bevor ich etwas komplett Neues erwerbe.

Maria: Ich besuche auch gute Unverpackt-Shops. Wenn man dann noch Taschentücher, Servietten und Taschen aus Stoff benutzt, wiederauffüllbare Flaschen und Strohhalme aus Edelstahl, dann hat man die am häufigsten genutzten Wegwerfprodukte schon umgangen.

Chloé: Ja, der meiste Müll, der so anfällt, kann tatsächlich vermieden werden! Viel davon ist Biomüll, der kompostiert werden kann. Es gibt auch das Kompostieren mit Regenwürmern.  Ansonsten pflichte ich den anderen bei: Unverpackte Produkte bevorzugen, und wenn das nicht geht, wenigstens in recycelbaren Verpackungen aus Glas oder Metall!

Maria, bei euch in London gibt es regelmäßig eine Zero-Waste-Week. Was ist das genau?

Maria: Die Zero Waste Week wurde in London gegründet und findet schon seit 2008 und immer in der ersten vollen Septemberwoche statt, und zwar mittlerweile weltweit! Letztes Jahr lief sie unter dem Motto „Wiederverwendung“. Das Ganze läuft online ab: Man registriert sich und bekommt dann jeden Tag via Mail Tipps und Tricks, die einem helfen, Geld zu sparen, Müll zu reduzieren und die Umwelt zu schonen. Wenn man will, kann man auch über das ganze Jahr verteilt solche Mails bekommen. Infos gibt’s in allen sozialen Netzwerken.

tower-bridge-1333523
Maria organisiert in  London die Zero Waste Week in der ersten vollen Septemberwoche.

Müllvermeidung bedeutet also, keine aufwendig verpackten Produkte zu kaufen und Dinge auch mal wiederzuverwenden statt wegzuschmeißen, um die darin enthaltenen Rohstoffe nicht zu verschwenden. Wie wäre es denn mit DoItYourself? Nette Geschenkidee oder wirklich praktisch und günstig?

Susanne: Im Rahmen der Verpackungsvermeidung und somit der Müllreduzierung halte ich es für eine wesentliche Maßnahme. Man kann z.B. Kosmetikprodukte oder Lebensmittel, die üblicherweise nur verpackt zu bekommen sind, so sehr einfach und kostengünstig selbst herstellen.

Maria: Ich glaube, DIY drückt aus: Ich lehne es ab, ein Teil der Abholzung der Wälder zu sein oder des Aussterbens bedrohter Tiere. Es bedeutet auch, Nein zu sagen zu unnatürlichen Aromen, Farben und Konservierungsstoffen in meinem Körper. Iss nur Sachen, die deine Großmutter auch als essbar anerkennen würde!

Chloé: DIY oder Upcycling ist einfach eine super Idee, um den Dingen ein zweites Leben zu geben, aber auch, um sich selbst etwas Schönes zu designen, etwa als Deko für zu Hause. Auf jeden Fall werden so keine Ressourcen verschwendet.

lipbalsamdiy_
Kosmetikprodukte selbst herstellen – DiY als Maßnahme  für Müllreduzierung

Verpackte Dinge liegen zu lassen und hübsche, natürliche und leckere Produkte selbst herzustellen hört sich jetzt wirklich nicht nach Verzicht an. Vermisst ihr trotzdem etwas? Oder ist es manchmal anstrengend durchzuhalten?

Susanne: Zero Waste bedeutet auch vorbereitet zu sein, d.h., man sollte immer ein wenig voraus planen, so kann man auch unterwegs z. B. spontane Snackpausen einlegen. Ich bin es mittlerweile gewohnt, unnötige Dinge abzulehnen, aber es erfordert ein wenig Hartnäckigkeit. Größte Herausforderung sind nach wie vor Strohhalme, die einem oft ungefragt einfach in Getränke gesteckt werden, in denen man sie nicht einmal erwartet hätte.

Maria: Nein, da fällt mir nichts ein.

Chloé: Nein, mir auch nicht. Ganz ehrlich, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.  Und durchhalten ist echt nicht schwer, wenn man eine große Community hat, in der man sich sehr nett austauschen kann.

glasses-2367017
Für den Zero Waste Lifestyle sind Strohhalme, die einem oft ungefragt einfach in Getränke gesteckt werden, eine Herausforderung.

Was sagen eure Freunde, Familie und euer Partner zu eurem Zero Waste Lebensstil?

Susanne: Sie akzeptieren meine Lebensweise, sind neugierig, offen für Neues und machen zum Teil sogar auch mit.

Maria: Es ist mir egal, was die Leute denken. Das tut auch nichts zur Sache. Aber wenn ich jemanden inspirieren kann, dann ist das super.

Chloé: Auch wenn sie nicht ganz so tief drin sind im Thema, sind sie doch total stolz und beeindruckt!

Letzte Weihnachten sind ja noch nicht sehr  lange her. Das Fest der Liebe wird leider mehr und mehr zu einer Konsumorgie mit tonnenweise Geschenkpapier. Wie habt ihr als Zero Waste-Lifestyler Weihnachten verbracht?

Susanne: Bei uns gab es dieses Jahr keine materiellen Geschenke. Wir schenken uns lieber Erlebnisse, die man gemeinsam machen kann. Andere Geschenke werden nicht, oder in wiederverwendbaren Stofftüchern verpackt.

Maria: Wir haben unsere dreibeinige Lampe mit einer Lichterkette zu einem Weihnachtsbaum umfunktioniert. Unser kleiner Sohn hat dazu einen Stern aus Pappe gebastelt. Wir haben mit Freunden gefeiert und Nussmilch und Glühwein getrunken. Gegessen haben wir Mince Pies mit verschiedenen Dips und Soßen und Pilzröstis. Sehr lecker und selbst gemacht!

weihn
selbstgemachte Überraschungen als Weihnachtsgeschenk

Chloé: Weihnachten sollte eine Zeit des Teilens sein und der Geselligkeit! Gegessen werden regionale Produkte von kleinen Herstellern, zum Beispiel, wenn es um Geflügel geht. Geschenkt werden selbst gemachte Überraschungen oder Spiele.

Welches war euer bestes, lustigstes oder aber auch absurdestes Erlebnis während eurer Zero Waste Zeit?

Susanne: Als ich nach langer Suche (ich hatte mich schon damit abgefunden) endlich unverpackten Mozzarella gefunden habe. Ich liebe Mozzarella!

Maria: Mein bestes Erlebnis war, als ich eine Edelstahl-Lunchbox für umsonst bekam, weil es das letzte Exemplar und die Vorführversion war! Man kommt immer wieder ins Gespräch, trifft unglaubliche tolle Leute, man entdeckt an sich Fähigkeiten, von deren Existenz man früher nichts wusste. Ich träume nicht mehr davon, ein Auto zu besitzen oder ein großes Haus; je weniger Kram, desto besser. Ich möchte einfach nur happy und gesund sein, egal, wo ich bin.

Chloé: Ich würde sagen, das war der Tag, an dem ich meine Stofftaschentücher aus meiner Kindheit wieder gefunden habe: Das war ein Moment voller Nostalgie und Freude, dass sie aufgehoben wurden!

Wie würdet ihr eine neue Form eines bewussten Konsums für alle definieren? Was müsste noch getan werden?

Susanne: Entschleunigung. Man sollte sich Zeit nehmen, die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen zu können. Eine entschleunigte Lebensweise begünstigt ein bewusstes Konsumverhalten.

upcycling-1731009_1920
„Upcycling ist einfach eine super Idee, um den Dingen ein zweites Leben zu geben“ meint Chloé

Maria: Erst mal: Benutzen, was man hat. Dann auch mal Dinge von anderen leihen und Einmal-Produkte austauschen gegen wiederverwendbare. Verbrauche Dinge sparsam. Mach’s selbst. Neue Dinge kaufen, erst wenn es nötig ist. Das habe ich aus dem Buch „A bunch of pretty things I did not buy„. Außerdem sollte alles rund um Nachhaltigkeit, Fair-Trade, Bio und die Verwertung lokaler Produkte schon in der Schule gelernt werden und von Regierung und Medien gefördert werden. So würde es für alle völlig normal.

Chloé: Unser Konsum sollte gut durchdacht und angemessen sein: Es ist zum Beispiel wirklich nicht nötig, jeden Tag Fleisch zu essen!

Habt ihr ein paar kurze, knackige und easy Tipps für Zero Waste Einsteiger?

Susanne: Meine drei Tipps für Zero Waste im Alltag: Schritt 1) Welchen Müll produziere ich? Den eigenen Müll beobachten und auswerten, um zu sehen, an welcher Stelle sich unnötige Verpackungen einsparen lassen. Schritt 2) Gewohnheiten ändern: Unverpackte Lebensmittel einkaufen. Jutebeutel zum Einkaufen mitnehmen, um Plastiktüten zu vermeiden, Leitungswasser für unterwegs in einer wiederverwendbaren Flasche mitnehmen, statt Plastikflaschen zu kaufen oder für to-go-Getränke einen Mehrwegbecher verwenden. Statt Visitenkarten oder Flyer anzunehmen lieber mit dem Handy abfotografieren. Schritt 3) Selber machen: Verpackte Produkte, wie z. B. Zahncreme und Deo, lassen sich mit wenigen Zutaten einfach selbst herstellen, aber auch Lebensmittel wie Pasta oder Pflanzenmilch sind einfach schnell selbst gemacht und gesünder für den Körper.

Maria: Lest! Zum BeispielStuffocation“ von James Wallman oder „Natural Capitalism“ von Paul Hawken, Amory B. Lovins & l. Hunter Lovins. Schaut Videos! „Just Eat It“, „A Food Waste Story“, „Plastic Paradise“, „The True Cost“ und „The Minimalists“ kann ich nur empfehlen. Außerdem: Mistet aus! Verkauft Dinge, die ihr nicht regelmäßig benutzt, auf Ebay. Und: Austauschen! Gegen wiederverwendbare Alternativen. Und zwar alles, was Wegwerfprodukte wie z.B. Taschentücher und Servietten sind.

Chloé: Langsam anfangen, immer Schritt für Schritt, und nie zu viel auf einmal wollen! Zero Waste ist ein super Abenteuer, voller neuer Begegnungen: Es gibt so viel, was man teilen und worüber man sich austauschen kann! Neue Dinge, die man lernt, wie natürliche Schönheitspflege, faire Mode oder auch das Gärtnern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare sind geschlossen.

Website bereitgestellt von WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten